Kalter Krieg: Sozialistische contra liberale Ordnung

Kalter Krieg: Sozialistische contra liberale Ordnung
 
Im Kern ging es im Ost-West-Konflikt um einen einfachen Gegensatz: Die Erwartung der Durchsetzung einer »sozialistischen« Ordnung nach dem Vorbild der Sowjetunion stand gegen die Behauptung und Förderung einer liberalen Ordnung, die auf Privateigentum und dem Schutz individueller Freiheitsrechte beruhte. Mit dem gemeinsamen Sieg der Sowjetunion und der Westmächte im Zweiten Weltkrieg stand dieser Gegensatz im Zentrum der Weltpolitik.
 
Mit dem Gegensatz von Kommunismus und liberaler Ordnung verwoben, wenn auch nicht identisch, waren ältere Gegensätze zwischen kapitalistischer Produktionsweise und sozialistischen Alternativentwürfen, zwischen dem Pluralismus »westlicher« Zivilisation und dem Zentralismus »asiatischer« Prägung, zwischen parlamentarischem Rechtsstaat und tendenziell totalitärem Mobilisierungsstaat. Gesellschaftlich spielte in vielen Schattierungen ein Konflikt zwischen tradierter Ordnung und den Emanzipationshoffnungen der Unterprivilegierten in den Konflikt hinein. Und mit den machtpolitischen Verschiebungen des Zweiten Weltkriegs kam dann noch ein globaler Mächtekonflikt hinzu: Das sowjetische Imperium stand gegen den Westen unter amerikanischer Führung, ein tendenziell weltweiter Wettlauf um Einflusssphären, Ressourcen und Durchsetzung der eigenen Ordnungsvorstellungen setzte ein.
 
Dabei war die östliche Seite von vornherein die schwächere: Sie war nicht nur in der Entwicklung der Wirtschaftskraft unterlegen und bei der atomaren Rüstung im Rückstand, sondern auch für die Mehrzahl der Menschen in Ost und West weitaus weniger attraktiv. Anders als es die kommunistischen Führer erwarteten und viele Gegner befürchteten, kam das sowjetische Gesellschaftsmodell in den westlichen Industrieländern nicht voran, und im östlichen Machtbereich konnte es nur unter Zwang aufrechterhalten werden.
 
 Die Entstehung des Kalten Kriegs
 
Die Zuspitzung des Ost-West-Konflikts zum Kalten Krieg war darum zwar wahrscheinlich, aber alles andere als unvermeidlich. Stalin wusste grundsätzlich um die Schwächen seines Imperiums, er fühlte sich sogar stärker bedroht, als er es tatsächlich war. Das ließ ihn, wie seit der Öffnung der östlichen Archive noch deutlicher zu sehen ist als zuvor, bei Kriegsende für eine Kooperation mit den Westmächten votieren: Sie sollte andauern, bis die Revolution in den fortgeschrittenen Industrieländern ihren eigenen Weg gefunden haben würde.
 
Das ließ Spielräume für eine einvernehmliche Regelung der deutschen Frage, wie sie Stalin explizit anstrebte. Es eröffnete die Möglichkeit für die Absprache von Einflusssphären und Rüstungssteuerung, für einen Wettbewerb der Gesellschaftsmodelle ohne globale Machtkonkurrenz. Die Westmächte konnten sich auf Arrangements mit der Sowjetunion einlassen, ohne vitale eigene Interessen zu gefährden. Sie durften sich von einer Kooperation sogar eine Friedensdividende und die allmähliche Durchsetzung ihrer Ideen erhoffen.
 
Dass die Spielräume weitgehend ungenutzt blieben, war zunächst eine Folge sehr spezifischer Unfähigkeiten: Die kommunistischen Führer wussten sich nicht so zu verhalten, dass ihre Kooperationsangebote auch glaubwürdig erschienen, und den westlichen Gesellschaften fiel es schwer, die Weitsicht aufzubringen, die für eine Kooperation notwendig war. Daraus resultierte in einem zweiten Schritt eine wechselseitige Fehlwahrnehmung: Beide Seiten nahmen einander in zunehmendem Maße als aggressiv wahr, obwohl sie es nicht von sich aus waren. Je mehr sich diese Fehlwahrnehmung verbreitete, desto stärker wirkte in einem dritten Schritt das Sicherheitsdilemma, das sich in jeder Konkurrenzsituation antagonistischer Mächte einstellt: Beide Seiten trafen Vorkehrungen gegen den befürchteten Übergriff der Gegenseite; diese wurden von der anderen Seite als Beweis für die aggressiven Absichten des Gegners gedeutet und hatten weitere Vorkehrungen zur Folge — ein doppelter Teufelskreis, aus dem nicht leicht zu entkommen war. Als dann die Bundesrepublik 1955 Mitglied der NATO wurde und die östliche Seite mit der Errichtung des Warschauer Pakts reagierte, hatte sich das Sicherheitsdilemma als dominierendes Strukturprinzip der Nachkriegsordnung durchgesetzt. Man kann darum die Jahre 1946/47 bis 1955 als die Phase der Etablierung der Nachkriegsordnung bezeichnen.
 
 Kernwaffen und Entspannung
 
Zusätzlich akzentuiert wurde das Sicherheitsdilemma durch die wachsende Bedeutung der atomaren Rüstung: Weil der potenzielle Gegner damit über eine todbringende Waffe verfügte, musste alles getan werden, um ihn von ihrem Einsatz abzubringen. Dazu konnte das »Gleichgewicht des Schreckens« wechselseitiger Vernichtungsdrohung dienen, das sich im Laufe der Sechzigerjahre nach und nach einstellte. Gleichzeitig trieb die Unmöglichkeit, ein solches Gleichgewicht exakt zu bemessen, immer wieder zu weiterer Rüstungsperfektion und zu Versuchen, sich einen einseitigen Sicherheitsvorteil zu verschaffen. Die Durchsetzung der eigenen Ordnungsvorstellungen im gegnerischen Lager war sowohl für den Osten als auch für den Westen ein nachgeordnetes Ziel. Mit der Verfestigung der Blockstruktur in der Mitte der Fünfzigerjahre verlor es verständlicherweise noch weiter an Dringlichkeit.
 
Dafür sprachen nicht nur eine nüchterne Orientierung an den Möglichkeiten und die kühle Abwägung der jeweiligen staatlichen Interessen. Beide Seiten mussten auch daran interessiert sein, im gegnerischen Lager Partner zu finden, die ihnen halfen, die befürchtete Eskalation der Gegensätze zu verhindern. Darüber hinaus legten die drückenden Rüstungslasten und die wachsende Gefahr einer versehentlichen atomaren Vernichtung eine einvernehmliche Regelung des Konflikts nahe.
 
Ein Abbau des Ost-West-Konflikts war dennoch schwer zu erreichen. Man musste sich von den überzogenen Ängsten lösen, die zu festen ideologischen Gewissheiten geworden waren. Man musste sich gegen jene breite Koalition von Kräften durchsetzen, die von der Konfrontation profitierten und damit — bewusst oder unbewusst — zu »sekundären Verursachern« des Kalten Kriegs geworden waren. Und man musste eine gewisse Risikobereitschaft beim Zugehen auf den Gegner entwickeln.
 
Weil diese Bedingungen nicht so schnell zusammenkamen, wechselten sich Bemühungen um eine Eindämmung des Ost-West-Konflikts und neue Eskalationsschübe immer wieder ab. Stets gab es Momente der Entspannung und des Kalten Kriegs zugleich, häufig sogar bei denselben Akteuren. Nur selten drängte die eine Erscheinungsform des Ost-West-Konflikts die andere ganz in den Hintergrund. So lagen etwa bei der Berlinblockade 1948/49 schärfste Spannungen und vertrauliche Verhandlungen nahe beieinander, und die Konfrontation in der Kubakrise 1962 endete mit einer Annäherung zwischen amerikanischer und sowjetischer Führung. Es ist daher nicht möglich, Zeiten des Kalten Kriegs und Zeiten der Entspannung scharf voneinander zu trennen. Generell lässt sich sagen, dass auf die Zeit der Blockbildung Mitte der Fünfzigerjahre eine lange Periode der Annäherung folgte, die von vielen Rückschlägen unterbrochen wurde und ihren Höhepunkt zu Beginn der Siebzigerjahre erreichte, als die sozialliberale Koalition in Bonn die Ostverträge schloss und der amerikanische Präsident Nixon das erste Abkommen zur Begrenzung der strategischen Rüstung unterzeichnete. Von der Mitte der Siebzigerjahre an begann sich das Ost-West-Verhältnis wieder zu verschlechtern, bis Anfang der Achtzigerjahre von einem »zweiten Kalten Krieg« die Rede war.
 
Der Begriff ist jedoch schlecht gewählt. Anders als in der ersten Hochphase des Kalten Kriegs 1947/48 war es jetzt nur eine Seite, die das Gespräch verweigerte: die amerikanische. Die sowjetische Führung hielt über die Krisen der späten Siebzigerjahre hinaus an ihrem Entspannungskurs fest, und die westlichen Europäer bemühten sich nach Kräften, den Ost-West-Dialog wieder in Gang zu bringen. Als Präsident Reagan 1984/85 auf diese Bemühungen einging, kam sogleich wieder ein intensiver Entspannungsdialog in Gang. Die westlichen Bemühungen um ein Durchlässigmachen der Blockgrenzen förderten die Verbreitung westlicher Prinzipien im sowjetischen Machtbereich. Parallel dazu erleichterte die fortdauernde Kooperationsbereitschaft westlicher Politiker den kommunistischen Machthabern den Abschied von den alten Einkreisungsängsten.
 
Dabei war offenkundig, dass der Westen von einer Überwindung der wechselseitigen Abschottung nur gewinnen konnte. Durch den Ausbau der partizipatorischen und wohlfahrtsstaatlichen Komponenten seines Gesellschaftsmodells, die nicht zuletzt unter dem Eindruck der kommunistischen Herausforderung erfolgte, entwickelte er ein solches Maß an Attraktivität, dass ein Erfolg des sowjetischen Projekts auf lange Sicht undenkbar wurde. Wann oder ob überhaupt die sowjetischen Führer daraus die nötigen Konsequenzen ziehen würden, war dagegen eine offene Frage.
 
Prof. Dr. Wilfried Loth
 
Weiterführende Erläuterungen finden Sie auch unter:
 
Ost-West-Konflikt: Weltpolitische Vorstellungen der Siegermächte nach 1945
 
 
Fischer-Weltgeschichte, Band 35: Das zwanzigste Jahrhundert, Teil 2: Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. 1945-1982, herausgegeben von Wolfgang Benz und Hermann Graml. Frankfurt am Main 1994.
 Loth, Wilfried: Die Teilung der Welt. Geschichte des Kalten Krieges 1941-1955. München 81990.
 Subok, Wladislaw / Pleschakow, Konstantin: Der Kreml im Kalten Krieg. Von 1945 bis zur Kubakrise. Aus dem Amerikanischen. Hildesheim 1997.

Universal-Lexikon. 2012.

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